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Staffelübergabe in der ZGF: Ulrike Hauffe und Bettina Wilhelm im Interview

Zwei Frauenbeauftragte im Gespräch über Frauenpolitik und Bremer Herausforderungen

Ulrike Hauffe (rechts) und Bettina Wilhelm.
Ulrike Hauffe (rechts) und Bettina Wilhelm. Foto: K. Rolfes

Nach 23 Jahren als Landesfrauenbeauftragte verlässt Ulrike Hauffe Ende Oktober die Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF). Bettina Wilhelm übernimmt ihr Amt. Die eine kommt, die andere geht: Zwei Frauenbeauftragte über Frauenpolitik und Bremer Herausforderungen im Interview.

Frau Hauffe, ist die Frauenfrage zu stellen 2017 noch zeitgemäß? Im Bewusstsein vieler ist das Thema Gleichberechtigung doch längst ausgestanden.

Ulrike Hauffe: Es ist nicht ausgestanden, Frauen haben unverändert strukturelle Benachteiligung hinzunehmen. Ein Blick auf die Zahlen spricht für sich: Auf dem Bremer Arbeitsmarkt etwa sind Frauen deutlich schlechter gestellt, sie verdienen im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer. Die Erwerbstätigenquote von Frauen liegt deutlich unter dem Bundesdurchschnitt und wir wissen, wie sich das auf die Renten auswirkt. Altersarmut trifft Frauen stärker. Solange nicht Macht und Ressourcen gleich verteilt sind, braucht es also explizite Frauenpolitik.

Das sehen gerade junge Frauen oft anders: Sie fühlen sich nicht diskriminiert.

Bettina Wilhelm: Dass junge Frauen eine andere Wahrnehmung haben und sagen: ‚Wir haben die gleichen Chancen, denn wir sind gleich qualifiziert‘, zeugt erstmal von gutem Selbstbewusstsein und das ist positiv. Tatsächlich ist es ja auch so, dass es heute mehr Frauen mit guten Studienabschlüssen gibt, sie oftmals die besseren Noten haben und so weiter. Aber die Diskriminierung setzt dann oft später ein, in der Arbeitswelt. Hier haben sich die Themen halt leider nicht verändert: Ganz deutlich wird Diskriminierung, wenn die Vereinbarkeitsfrage aufkommt, wenn Kinder mit ins Spiel kommen und wenn es um Aufstieg und Karrierechancen geht. Und das hat mit tradierten Geschlechterrollen zu tun, die anerzogen sind. Da schließt sich wieder der Kreis und es wird deutlich, dass noch viel zu tun ist.

Ulrike Hauffe: Es ist ein interessanter Gedankengang zu sagen: Wenn man Geschlecht als Kategorie öffnet, lässt sich auch Geschlechterdiskriminierung lösen. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die geringer sind als andere Zuschreibungen, beispielsweise die der sozialen Lage von Menschen. Aber die strukturelle Diskriminierung, die gesellschaftlich festgelegt ist, ist die, an der wir arbeiten und die muss man politisch auch weiterhin benennen können.

Zur Person

Ulrike Hauffe (parteilos) ist 1994 von der Bremischen Bürgerschaft zur Landesfrauenbeauftragten gewählt, 2006 wurde sie eine weitere Amtszeit in ihrem Amt bestätigt. Im Oktober 2017 verabschiedet sich die 66-Jährige in den Ruhestand.
Bettina Wilhelm (parteilos) wurde im August 2017 von der Bürgerschaft gewählt und tritt ihr Amt am 1. November 2017 an. Die 53-Jährige war zuvor in verschiedenen Positionen frauenpolitisch engagiert, zuletzt als Erste Bürgermeisterin in Schwäbisch-Hall für die Bereiche Bildung, Jugend, Soziales, Integration, Sport, Kultur, Tourismus, Stadtmarketing, Gleichstellung und bürgerschaftliches Engagement acht Jahre lang verantwortlich. Zuvor war sie unter anderem Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte in Ludwigsburg. Die diplomierte Sozialpädagogin (FH) und staatlich anerkannte Erzieherin stammt gebürtig aus Stuttgart.

Wo stehen wir denn im Land Bremen, Frau Hauffe: Was sind die drängenden Fragen, die Ihre Nachfolgerin erwartet?

Ulrike Hauffe im Porträt.
Foto: K. Rolfes

Ulrike Hauffe: Wir haben eine unglaubliche Schere im Bezug auf Arbeitsplätze: die hoch dotierten Jobs in den Industrien, die vor allem von Männern besetzt sind, und die im Dienstleistungsbereich, in dem vorrangig Frauen arbeiten. Auch die Cluster-Strategie des Wirtschaftsressorts, das heißt die Fokussierung der Wirtschaftsförderung auf die Branchen Luft- und Raumfahrt, Windkraft, Logistik und Automotive, ist leider nicht dazu angetan dies zu verändern, im Gegenteil: Sie bewirkt eine noch größere Spaltung in der Frage der ungleichen Löhne im Land Bremen und damit ein Thema, das ich persönlich als ein zentrales sehe: das Armutsrisiko von Frauen. Das jedoch wird nicht gesehen, Kinderarmut aber umso mehr, und das ärgert mich: Ein Kind ist nicht für sich arm, sondern deshalb, weil die alleinerziehende Mutter arm ist. Also ist bei ihr anzusetzen! Wir sind das Bundesland mit dem höchsten Anteil Alleinerziehender ohne Berufsabschluss. Dieses als Komplex zu betrachten, ist jetzt endlich verstanden und im Koalitionsvertrag festgeschrieben worden. Aber ehrlich gesagt: Zwei Jahre danach sind wir immer noch dabei Strukturen aufzubauen, die an der Stelle wirksam werden sollen. Dort ist meines Erachtens noch sehr viel zu tun.
Gewalt gegen Frauen ist ein weiteres Thema: Wir brauchen weitergehende Strukturen in der Versorgung von Frauen und ich plädiere für einen Rechtsanspruch auf Beratung bei Gewalt. Gewalt an Frauen ist noch zu oft eine Straftat, die nicht geahndet wird. Die IPOS-Studie hat das für Bremen offengelegt: Nur sechs Prozent der angezeigten Vergewaltigungen sind hier zur Verurteilung gekommen. Gewalt an Frauen ist kein bremenspezifisches Problem, aber es muss auch hier angegangen werden.

Frau Wilhelm, wie wollen Sie Ihr Amt angehen?

Bettina Wilhelm im Porträt.
Foto: K. Rolfes

Bettina Wilhelm: Erst einmal wird es für mich darum gehen genau zu schauen, wo die Bedarfe liegen. Klar ist: Wo der Arbeitsmarkt besonders angespannt ist, spitzen sich die Problemlagen für Frauen besonders zu. Es ist für Frauen schwierig, für Alleinerziehende noch schwieriger, für Alleinerziehende mit Migrationshintergrund noch schwieriger und dann für Frauen mit Fluchterfahrungen noch schwieriger. Das ist wie ein Baukastensystem: Es addiert sich und die Problemlagen werden immer komplexer. Dazu kommt natürlich die Finanzlage des Landes. Die Probleme entstehen ja nicht umsonst. Da muss man natürlich genau hinschauen: Was ist das Spezifische an der Problemlage? Und wo sind die Ressourcen?

Ich bin überzeugt, dass Modernisierungsprozesse, wie sie derzeit auch in der bremischen Wirtschaft auf der Tagesordnung stehen, Chancen bieten, weil Veränderungen passieren. Darin liegt auch die Chance zu schauen: Wie kann man Frauen hier anders platzieren? Eine erfolgreiche und demokratische Gesellschaft braucht Frauen. Ich komme aus Baden-Württemberg: Die Firmen dort sind daran interessiert, dass Frauen früh zurückkommen in den Arbeitsmarkt und sehr bereit, flexible Arbeitsmodelle und Kinderbetreuung anzubieten. Sie sind sehr engagiert, weil es ihr eigener Nutzen ist.

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